Verminderte und übermäßige Akkorde

Dur- und Moll-Akkorde wirken wie ein Ruhepunkt — ein Klang, auf dem man sich gerne niederlässt. Verminderte und übermäßige Akkorde sind das Gegenteil: Sie klingen, als drängten sie unbedingt weiter. Diese Unruhe ist kein Fehler, sondern genau der Sinn der Sache, und Komponisten setzen sie seit Jahrhunderten ganz bewusst ein.

Das Rezept für einen verminderten Dreiklang

Ein verminderter Akkord entsteht, indem man zwei kleine Terzen übereinanderstapelt:

  1. Grundton — nehmen wir wieder C.
  2. Kleine Terz — zähle 3 Halbtöne vom Grundton aufwärts. Von C aus: Dis.
  3. Noch eine kleine Terz — zähle 3 weitere Halbtöne aufwärts, also insgesamt 6 Halbtöne vom Grundton. Von C aus: Fis.

C vermindert = C, Dis, Fis — ein Grundton, dann 3, dann insgesamt 6 Halbtöne. Vergleiche das mit c-Moll (3, dann 7): Die Quinte ist um einen weiteren Halbton geschrumpft, von rein (7) auf vermindert (6), und genau das gibt dem Akkord seinen unruhigen, zusammengedrückten Charakter.

Das Rezept für einen übermäßigen Dreiklang

Der übermäßige Dreiklang ist das Spiegelbild des verminderten: zwei große Terzen statt zwei kleiner Terzen:

  1. Grundton — wieder C.
  2. Große Terz4 Halbtöne aufwärts. Von C aus: E.
  3. Noch eine große Terz4 weitere Halbtöne, also insgesamt 8 Halbtöne vom Grundton. Von C aus: Gis.

C übermäßig = C, E, Gis — ein Grundton, dann 4, dann insgesamt 8 Halbtöne. Wo der verminderte Akkord zusammengedrückt wirkt, wirkt der übermäßige gedehnt — die Quinte ist um einen Halbton über die reine hinausgewachsen, in ein seltsam offenes Gebiet.

Warum beide gespannt klingen

Beiden Akkorden fehlt die reine Quinte, die Dur und Moll ihr Gefühl von „Zuhause“ gibt. Vermindert klingt beklommen und ungelöst — der Akkord will sich weiter zusammenziehen oder zu etwas Stabilem zurückschnappen. Übermäßig klingt traumhaft und schwebend, als stünde er nicht auf festem Boden. Keiner von beiden möchte der letzte Akkord eines Stücks sein; beide erzeugen Energie, die das Ohr zu dem hinzieht, was als Nächstes kommt.

Wo sie in echter Musik vorkommen

Verminderte Akkorde sind häufig Durchgangsakkorde — ein kurzer Trittstein zwischen zwei stabileren Akkorden, der unmittelbar vor einer Auflösung Spannung aufbaut. Übermäßige Akkorde tauchen am häufigsten in chromatischen Kadenzen auf, also in Fortschreitungen, in denen sich Akkordtöne halbtonweise nach oben schieben, um irgendwo Neues anzukommen. Keiner von beiden ist als Ziel gedacht; beide sollen Bewegung erzeugen.

Eine nützliche Symmetrie im übermäßigen Akkord

Weil der übermäßige Dreiklang vollständig aus gleich großen Abständen von 4 Halbtönen besteht (4 und dann noch einmal 4, also insgesamt 8), klingt jeder Ton des Akkords gleichermaßen plausibel als „Zuhause“ — C übermäßig (C, E, Gis), E übermäßig (E, Gis, C) und Gis übermäßig (Gis, C, E) sind exakt dieselben drei Töne, nur jeweils von einem anderen aus beschrieben. Einen dieser drei Töne „den Grundton“ zu nennen, ist eigentlich eine Namenskonvention und nichts, worauf sich dein Ohr von allein festlegen könnte: Spiel den Akkord isoliert, und es gibt kein klangliches Indiz dafür, welcher Ton „wirklich“ der erste ist. Diese Symmetrie ist allerdings eine musiktheoretische Kuriosität — sie lockert die Übung nicht auf. Das Spiel zeigt übermäßige Akkorde immer in Grundstellung und nennt in der Aufgabe einen bestimmten Grundton, du musst also weiterhin genau von dem angegebenen Ton aus bauen.

Häufige Fehler, die du vermeiden solltest

  • Verwechseln, in welche Richtung sich der Akkord verbiegt. Vermindert schrumpft die Quinte (6 Halbtöne statt 7); übermäßig dehnt sie (8 statt 7). Merke dir die Richtung über die Terz: zwei kleine Terzen schrumpfen, zwei große Terzen wachsen.
  • Vergessen, dass die Quinte der Gesamtabstand ist, nicht nur der zweite Schritt. Die „6“ und die „8“ oben sind Halbtöne vom Grundton aus, nicht vom mittleren Ton.
  • Erwarten, dass sich diese Akkorde aufgelöst anfühlen. Wenn ein verminderter oder übermäßiger Akkord für dich „richtig“ klingt, überprüfe dein Zählen — der ganze Charakter beider Akkorde ist ungelöste Spannung.

Jetzt spielen

In dieser Runde werden verminderte und übermäßige Dreiklänge gemischt. Baue die erste Terz genau so wie bei Moll oder Dur und prüfe dann den Gesamtabstand vom Grundton zum obersten Ton: insgesamt 6 Halbtöne bedeuten vermindert, 8 bedeuten übermäßig. Bei übermäßigen Akkorden baust du immer von genau dem Ton aus, den die Aufgabe als Grundton nennt — das Spiel zeigt sie nur in Grundstellung, die eben beschriebene Symmetrie ist also ein wissenswerter Fakt über den Klang, aber keine Abkürzung für die Übung.